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Alles fing mit einem dummen Spruch, mit einem "ja mach doch!" an - und Dani machte. Er meldete sich und mich super Sportskanone für den Engadin Skimarathon am 13. März 2011 an. Das war letztes Jahr und ich war mir nicht bewusst, wie schnell die Zeit wohl vergehen kann!

Jetzt stand ich da, auf meinen gemieteten, schmalen Atomic-Latten in einem Pulk von Nordic-Freaks im Startbereich mit der Nummer 51725 in Maloja. An meiner Seite, Dani mit der Nummer 51724 - er führte mich in alles ein. Wo noch ein wenig Aufwärmen, wo die Skier bereitstellen, Pinkelstopp etc. - alles "wie die Grossen".
Es war eine ganz spezielle Stimmung für mich an diesem Morgen hier in Maloja - es waren so viele Leute da (glaube rund 12'000) - alle mit dem gleichen Ziel. Es war friedlich, es schneite leicht. Es gabt die ganz Gepickten, die schon gewinnen wollten, bevor es überhaupt los ging - "nur nicht im Weg stehen!" hat Dani gesagt.
15 Minuten bevor es los ging, spielten meine Gedanken Karusell - was mache ich hier? Bist du wahnsinnig, Oliver? Du hast ja super trainiert - 11 km Langlauf in Goten - das wars. Und jetzt 42 km!! Was ist mit Ausdauertraining? Oliver, das letzte mal Ausdauersport war in der Sekundarschule der Limmat-Lauf! Ok, da war ich immer gut - ist aber schon ein paar Tage her! Erinnerst du dich noch daran, wie du den Lago die Lugano mit Hajo und Dani umrunden durftest - 70km auf dem Bike - danach warst du tot!! - Barbara, die hats gut, die darf im Hotel in St.Moritz noch etwas schlafen! Und ich, ich Dubbel plage mich jetzt dann gleich ab... weiter kam ich nicht mehr. Ging schon los mit dem Count Down. Skier montieren, noch ein paar coole Fotos mit Dani - dem Heli winken - noch ein wenig SUVA Warmup (wozu, ich schwitze doch eh gleich wie ein Schwein)!

Und dann 5 - 4 - 3 - 2 - 1 GO!!!! "Macheds guet - viel Erfolg" hörte ich den Speaker zur zünftigen Musik noch sagen, dann setzte sich der ganze Menschenpulk in Bewegung.

Dani an meiner Seite, er grinste immer - später wusste ich auch warum. Ja die Skier gehen gut, hat sich gelohnt diese speziell waxen zu lassen (ha ha!!) - Und ich war erstaunt, die ersten 2.5 km waren schon vorbei. Ging ja wie geschmiert - das schaffe ich!
Ich fühlte mich wirklich wohl und ich hatte sogar Freude daran, hier dabei zu sein! Schon waren die ersten 5 km geschafft - Sils Maria - mit Speaker und Fans an der Seite (heja ruft man hier, nicht hopp). Es schneite auch nicht mehr und es war irgendwie "angenehm".
Oha, was ist das - mein linker Schuh drückt mich an der Seite - Scheisse - Materialschaden.!!.. stehen bleiben, etwas die Schuhzunge richten, Dani wartete auf mich und schon gab ich wieder Gas. Ging ja wirklich gut. Ok, etwas Rückenwind (den hatte ich aber auch verdient!).

Surlej - 10 km sind geschafft! Es gibt eine erste Zwischenverpflegung - Dani sagte darauf nur mit breiten Grinsen: "Super, bis jetzt hast gut mitgemocht. Wenn du so weiter machst, schaffst' meine Zeit vom letzten Jahr!" Jaja, dachte ich, das mach ich!
Wir haben uns hier getrennt - Dani ist ja auch schneller als ich und fitter - es war eh toll von ihm, mit mir die ersten 10 km zu laufen - das war wirklich schön! Jetzt gib schon Gas! Wir sehen uns im Ziel!

Sauhund! Wenn ich gewusst hätte, was jetzt kommt, dann hätte ich Danie von den Skiern gerissen. Aber zuerst hiess es mal grinsen für die Kammera - Fotoshooting auf der Piste in Silvaplana und dann gings hinfauf - den Hügel ich glaube bei Champfèr - hier durfte man anstehen um den schmalen, steilen Hang raufzukraxeln. - Ok, etwas Steigung ist ja gut, aber grad so! Natürlich hauts genau vor mit die Zwetschge in ihrer Super Ausrüstung auf den Sack! Sie wusste es ja besser und wollte die Seite wechseln - 20 Läufer inkl. meiner Wenigkeit mussten warten bis sich das Basler Bibi in der steilen Wand hochgekaxelt hatte - das ist Zeitverlust für mich! ;-)
Wo ist echt Dani?

Und jetzt kommts Dicke - der Aufstieg zum Stazer Wald - nicht das ich vor der Abfahrt danach Angst hatte - nein, das bring ich schon. Aber das verdammte St. Moritz ink. dem scheiss Wald (sorry, aber im Sport muss man nüchtern denken) da geht es immer nur rauf! Hinder jeder Kurve eine neue Steigung. Wie hoch denn noch? Wusste ich gar nicht! 15 km waren geschafft und immer noch Stazer Wald! So viel Wald für die Reichen und Schönen in St. Moritz? Wofür denn, damit ich mich plage? Ok, ist ja schön, auch der See - ich erinnere mich gerade daran, wie wir hier im SO-LA waren und Nik den kalten See durchschwomm. Aber der Wald ist immer noch nicht fertig! Dazwischen gabs immer wieder nette Posten, die einem etwas Banane in den Mund steckten. Trinken war auch wichtig. Und schon wieder gings aufwärts! Ich dachte der Stazer Wald sei DIE Abfarht nach Pontresina!
Hier habe ich eine kürzere Variante gesehen, kurz abbiegen - oha und schon sass ich am Ar.. sorry, Hintern! Hat keiner gesehen ... schnell aufgerappelt - mit tut ja eh schon alles weh!! Und endlich die Abfahrt. Nur nicht stützen - das SF steht hier und wartet nur auf Peinlichkeiten! :-) Aber neben mir fährt ein Opa in der Position einer schwangeren Kuh beim Schiffen runter - also da machte ich doch die bessere Falle - und geschafft. Kein Sturz, tschüss Sanis - ich brauche euch nicht! St. Moritz, Stazer Wald auf wieder sehen, und sicher ohne Skier! Hätte ich echt weniger bremsen sollen? Egal, sind ja noch 22 km!

Nochmals ein Fotoshooting kurz vor Halbmarathon Ziel - Pontressina ist erreicht und es begrüsst mich ein sympatischer Gegenwind. Gahts no! Ich plage mich doch so schon genug! Meine Füsse (nicht die Beine) tun weh! Und jetzt noch Wind! Was heisst wind, Sturm! Ich musste mich ganz links halten, um nicht in Versuchung zu gelangen, hier es gut sein zu lassen. Aber ich fühlte mich eigentlich "gut" - Oli das schaffst Du! Da half mir auch gerade der Speaker - Liebe Teilnehmer, hier habt ihr noch Wind von vorne, in Samedan bläst Rückenwind - Bingo! Und schon war ich vorbei am Abbiger für das Halbmarathon-Ziel. Oli läuft weiter. Wo ist eigentlich Dani??
Zuerst gabs hier aber die ersehnte Bouillon - 2 Becher brauchte ich - habe mir grad 2 ältere Zuschauer geschnappt, die mir die Becher hielten. Noch es Banäneli, und etwas Kuchen und Schoggi, ein Wenig Wasser und munter drauf  los - sind ja nur noch 20 km.... (ich Vollidiot!) ;-)

Vom sulzigen Stazer Wald war jetzt eher Eis und Sulz im Wechsel angesagt. Bei der Station Muottas Muragl, es ging grad wieder mal einen Stutz bergauf, musste ich einen Break hinlegen. Oli, was machst du da! Schaffst du das? Meine Füsse tun weh (nicht die Beine!). Trinken, ich hatte ja den Bidon dabei. Und jetzt braucht der Körper etwas zu putschen. Beim Skiverlei in St.Moritz haben wir zu unseren Latten so einen Energie-Gel bekommen. Gruusig, hilft aber sicher - der war jetzt dran! Reine Hirnsache - diese trib mich dann auch weiter in Richtung Flugplatz Samedan. Ich war in Gedanken zurück beim SO-LA welches ich hier 1998 durchgeführt hatte. Ich kenne diese Gegend nun also gut. Und die Gerade auf welcher ich nun war, sie war immer noch schnurgerade und laaaang. Und bitte wo ist jetzt der Rückenwind??  Hallo, ich bin auch noch da!! Danke, also alles selber machen. Ich musste bis zum Ende der Flugbahn (da hatten wir unser Lager) sicher 5 Mal halten. Habe ich schon erwähnt, dass mit die Füsse verdammt schmerzten, nicht die Beine!? Am Ende dieser Geraden war ein kleiner Menschenhaufen mit Sani-Posten und eine alte Russin in Pelzmontur rief "Bravo Oliveeer" - Was heisst da bravo, ich muss noch gute 15km durchhalten, aber danke für das Motivieren!
Das war ja eigentlich das ganz schöne an dem Lauf - die Leute an der Strecke, oder auch andere Läufer die einem überholten, riefen einem Mut zu! Schön, aber laufen musste ich selber. Wo ist eigentlich Daniel zu dieser Zeit?
Übrigens war es auch immer wieder lässig, einen Läufer nach längerer Zeit wieder retour zu Überholen, vor allem wenn er gar wichtig an mir vorbei ging :-)

Jetzt kam der härteste Teil für mich - die ca. 5 km rund um Bever / La Punt. Ich machte hier auch zu viele Pausen und habe mir auf dieser Strecke das Versprechen abgenommen, NIE WIEDER!!! Ich hatte so Schmerzen an den Füssen, das müssen schon Blasen sein! Warum mache ich das überhaupt? Barbara und Selina lieben mich doch auch so! Ok, mal Pinkelpause - ein wenig Gymnastik, mein rechter Oberschenkel war auch ganz verkrampft. Schade, dass mich dabei zu viele überholten...
Aber irgendwie schaffte ich es, an die Verpfelgungstelle La Punt / Chamues-ch zu kommen. Bitte eine Bouillon für mich - leider war der erste Becher kalt. Schon kam der 2. Becher. Ich wusste auch nicht was für Uhrzeit ist. Das habe ich mir vorgenommen - nie auf die Uhr zu sehen. Aber jetzt habe ich es gewagt - ich fragte eine Bananen-Verteilerin nach der Uhrzeit! Ok, Weltrekort wirds keiner mehr für mich und auch um das Podest wirds nichts werden. Aber der Besenwagen, der ist noch weit weg! Cool!
Aber Oliver, nicht zu früh gefreut! Es sind zwar nur noch  10 km - aber die Gedanken vom Stazer Wald werden mich nochmals begleiten. Ich erinnerte mich was Reini in Gonten gesagt hat: "Beim Bergabfahren ausruhen, ruhig die Loipenspuhr nutzen" - das war ab sofort meine Taktik. Sobald es ein wenig abschüssig war, stand Oli in der Spur.
Mitlerweile hatte ich einen Stein harten Oberschenkel und danke es ging wieder mal Bergauf. Ok, ich wusste das, habs mir es aber "leichter" vorgestellt. Aber ein Dank dem OK, ab sofort gabs alle km glaube ich eine Tafel! Und nun las ich 4km! Langsam freundete ich mich damit an, Oli - du schaffst das! Jetzt gibt auch Keiner mehr auf! Meine Leidgenossen rund um mich, sahen auch nicht besser aus. Aber alle hatten nun das selbe zarte Lächeln im Gesicht - das Ziel ist nahe! Und ich hörte auch schon den Lautsprecher - ja dort hinten, das ist S-chanf!
Aber nur nicht zu früh jubeln - die letzten 2 km vor der Flamme Rouge gehen immer leicht bergauf. Da kommt doch von hinten so ein junges Mädi daher (das die noch mag!) Mit ihrer Kollegin im Schlepptau. Die war drauf wie ich beim Start! Und die hatten sogar die Energie zum Schnurren miteinander! Hallo? Ich benötige jetzt dann Hilfe! ;-) Da rief sie mir zu "Heja - Oliver s'isch nüme wiit! Das schaffsch!"
Jaja, das schaffe ich schon - aber gemächlich, wie gesagt, der Weg ist das Ziel und das Podest ist eh schon dahin für mich. Dani ist sicher schon gemütlich bei einem Bierchen? Und eben, mein Fuss!

Und was sehe ich da? Flamme Rouge - ein roter Wimpel mit der 1km drauf! Letzter km!! Was ich da gefühlt habe, kann ich gar nicht beschreiben! Hätte nie gedacht, dass mich das so berühren kann! Flamme Rouge - Oli, gleich bist Du am Ziel!!
Danke dann noch, der letzte km war eine reine Sulzschlacht. Knöcheltiefer Sulz in der Stadion-Schlaufe. Aber jetzt nochmals zusammen nehmen und Hopp - irgendwoh sind ja Deine Fans! Die letzte Kurve, noch 250m stehen an der Tafel! Da rufen sie von der Tribüne - Barbara, Maja und Dani (war der auch am Marathon)? Und mit aubäumenden Stössen und Schritten überführ ich mit etwas Wasser in den Augen die Ziellinie!!
4:46.44 nach dem Start in Maloja bin ich am Ziel des 43. Engadin Skimarathon angekommen. Ich habe den grössten Schweinehund in mir besiegt! Ich war gerade etwas stolz auf mich! Das ist doch auch ok, oder?
Wenn man will, kann man seine Leistung abrufen - mit oder ohne Training, aber immer auf seinen Körper schauen. Das war auch das, was mich am meissten gefreut hat - ich bin ohne Zwischenfall, übertriebenem Ehrgeiz, gesund angekommen. Aber dafür Nudelfertig!

Jetzt versank ich hinter der Ziellinie am Rande im Schnee - Barbara, Maja und Dani kamen zu mir. - Gratulation Dani!! Er war schon gut eine Stunde vor mir im Ziel. Das "Siegerbussy" von Barbara war fast so schön, wie die erste Bouillon in Pontresina! :-)

Jetzt gabs noch die Medaille für alle Teilnehmer und mit stolzer Brust liess ich mir "Ziel erreicht" auf meine Startnummer stempeln. Noch ein paar isotonische Getränke, etwas Suppe und Rivella - und dann durfe ich endlich Dani gratulieren und Barbara in die Arme nehmen - Danke ich habe (und war) fertig!!

Es war eine tolle Erfahrung, ein super Anlass der perfekt organisiert war. Ich habe meine Grenzen gespührt aber nie überschritten und eine für mich super Leistung erbracht. Das neben Dani auch unsere Frauen Barbara und Maja mit dabei waren, hat diesen Event noch schöner gemacht!

Aber ganz ehrlich - ich muss es nicht mehr machen - zumindest jetzt nicht... aber wer weiss... :-)
Und bitte  - die nächsten Tage und Wochen möchte ich keine Bananen essen, kein warmes Rivi trinken und schon gar kein Heja hören...

Die restlichen Gedanken und Schmerzen bei diesen 42 km behalte ich für mich :-)

Oliver

2 Antworten auf Engadin Skimarathon 2011

  • Brigitte sagt:

    Hallo Oliver
    Das ist ein super Bericht. Wir haben beim Lesen das Gefühl selbst mit dabei zu sein. Vielleicht mit etwas weniger Schmerzen (aber das Mitgefühl ist da!!). Du und Dani habt das ganz toll gemacht und der Marathon wir euch in bester Erinnerung bleiben, denn die Schmerzen sind schnell vergessen und es zählt nur noch das Dabeisein und Durchhalten. Es freut uns auch, dass ihr das Weekend zu viert geniessen konntet. Die Fotos sind wunderschön und sagen so viel von Eurer Freude über das Erlebte aus. Selina kann stolz auf Papi und Götti sein. Wir werden den Bericht bestimmt noch ein paar Mal lesen und unsere Freude daran haben. Heja Papi und Mami

  • Elisabeth sagt:

    Hallo Oliver

    Kompliment für Deine und Dani's Leistung. Wirklich super Euer Durchhaltewillen!
    Dein anschaulicher, humorvoller Bericht liess uns diese tolle Leistung miterleben
    und die Fotos sagen alles aus!
    Also ganz herzliche Gratulation zu dieser Superleistung und werweiss bis nächstes
    Jahr...!!

    Liebe Grüsse Elisabeth und Otto

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